27.01.2023 Holocaust-Gedenktag in der Pfarrkirche Leiden Christi in Obermenzing

Gebt der Erinnerung Namen: Opfer der Shoah aus Obermenzing

 

English Text

Dr. phil. Paul Bornstein, geb. 1868 in Berlin, lebte in Obermenzing, Adolf-Hitler-Str. 103 (heute: Verdistraße). Er war Schriftsteller, Übersetzer, Literaturhistoriker und Herausgeber u.a. der Werke Friedrich Hebbels. Verheiratet war Paul Bornstein mit Anna, geb. Zachmann, einer Nichtjüdin. Der einzige Sohn wurde 1930 geboren. 1938 lebte Bornstein von einer Kleinrente und konnte seinen Beruf als Schriftsteller aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Er starb am 30.07.1939 mit 71 Jahren. (Bisher haben wir kein Foto von Paul Bornstein)

Berthold Hirsch geb. 1890 in Wien, war Verlagsbuchhändler und lebte von 1928 - 1941 in Obermenzing, Apianstraße 8 (heute: Petergörglstraße 8). In der Pogromnacht 1938 wurde er in das KZ Dachau verschleppt, wurde enteignet und musste nach seiner Entlassung Zwangsarbeit leisten. Eine angestrebte Emigration nach Shanghai gelang ihm nicht mehr. Am 20.11.1941 wurde er zusammen mit 1000 weiteren Münchnern nach Kaunas in Litauen deportiert und dort am 25.11.1941 ermordet.

Sein Bruder Gustav Hirsch wurde 1883 in Pohrlitz/Mähren geboren, wo er die Bürgerschule und die Gewerbeschule besuchte. Von 1939 - 1940 lebte er mit seiner Frau Sidonie in Obermenzing, zuletzt bei seinem Bruder Berthold in der Apianstraße 8. Gustav Hirsch wurde gemeinsam mit seiner Ehefrau Sidonie Hirsch, geb. Steinhauer, geb. 1885 in Wien Ottakring, und seinem Bruder nach Kaunas deportiert und dort am 25. 11.1941 ebenfalls ermordet.

Sechs Angehörige der Familie Kahn aus Memmelsdorf in Unterfranken, die seit 1939 in der Apfelallee 2 in Obermenzing im Haus ihrer Verwandten, den Münchner Geschäftsleuten Simon und Martha Kahn, Unterschlupf gesucht hatten, wurden Opfer der Shoah.
Während Simon und seiner Familie noch im November 1939 die Ausreise in die USA gelang, wurden ihre Memmelsdorfer Verwandten alle deportiert und ermordet. Ihnen fehlten die finanziellen Mittel für die Emigration.

Vier Familienmitglieder wurden am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert und dort erschossen. Es waren:

Der Hopfenhändler Berthold Kahn, geb. 1886 in Memmelsdorf,
seine Ehefrau Mina Kahn, geb. Lemberger, geb. 1894 in Rexingen,
und sein 15-jähriger Sohn Manfred, 1926 in Memmelsdorf geboren.
Carry Kahn, geb. Oppenheimer, geb.1885 in Ernsbach. Sie war die Frau von Arthur Kahn, dem ältesten Bruder von Simon Kahn, der 1937 im Gefängnis starb. Die Todesursache ist ungeklärt.

Trina Kuttner, geb. Kahn, geb. 1860 in Gleicherwiesen/ Thüringen, war eine Tante von Simon Kahn. Sie wurde am 25.06.1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort am 06.03.1943 um.

Julius Wassermann, geb. 1926 in Mühlhausen/Mittelfranken, war ein Neffe Simon Kahns. Er lebte von 1939 - 1940 ebenfalls in dessen Haus und wurde am 04.04.1942, ebenfalls 15 Jahre alt, zusammen mit seiner Mutter Martha und seiner Schwester Margot nach Piaski/Polen deportiert und am 10.04.1942 dort ermordet.
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Nur sehr wenige überlebten die Shoah, den systematischen Massenmord der Nationalsozialisten an den Jüdinnen und Juden.

NS-Verfolgte in Obermenzing

Ernest Landau, geb. 1916 in Wien, war bis 1938 bei verschiedenen österreichischen Zeitungen tätig, dann flüchtete er nach Belgien und engagierte sich dort nach der deutschen Besetzung in der Widerstandsbewegung. Ende 1940 begann seine Odyssee durch mehrere Konzentrationslager. Er musste an dem Todesmarsch teilnehmen; nach seiner Befreiung durch die amerikanische Armee lebte Landau einige Zeit in DP-Lagern, wo er die erste Lager-Hochzeit mit Lydia Simonowitz feierte. Das Ehepaar lebte von 1945 – 1952 in Obermenzing in der Waldhornstrasse 18. Landau war einer der ersten Journalisten, die nach dem Krieg über die Situation der jüdischen Überlebenden berichteten. 1947 gründete er die erste und zunächst einzige deutschsprachige jüdische Zeitung „Neue Welt. Eine Wochenschrift der befreiten Juden“. Er starb 2000 mit 84 Jahren.

Frieda Schmid, geb. Schöndorff, wurde 1883 in Hannover geboren. Sie heiratete 1907 Franz Schmid, einen Christen und lebte seit Oktober 1937 in Obermenzing in der Menzingerstraße 10. Frieda wurde vermutlich durch ihre sog. „privilegierte Mischehe“ vor der Deportation geschützt. Sie verstarb im Juni 1944 mit 51 Jahren aus „unbekannter Todesursache“.

Klara Mayr, geb. 1891 als Klara Jordan, wurde verfolgt, obwohl sie katholische Jüdin war und in „privilegierter Mischehe“ in der heutigen Döbereinerstraße lebte; sie fand Unterschlupf im Kloster der Englischen Fräulein in der Blutenburg und entkam so dem Transport ins KZ. Bis auf ihre Schwester Frieda und ihre Nichte Ruth Jordan sind alle Familienmitglieder, die nicht rechtzeitig emigrieren konnten, ums Leben gekommen – in Kaunas, Theresienstadt und Auschwitz. Klara starb 1977 in München.

Ihrer Schwägerin, Frieda Jordan, geb. 1898 in Augsburg, gelang es mit Tochter Ruth nach Kriegsbeginn im September 1939 nicht mehr, Mann und Sohn in die Emigration in die USA zu folgen. Nachdem es für die beiden in ihrer Obermenzinger Wohnung zu gefährlich wurde, lebten sie versteckt auf einem Bauernhof am Tegernsee und entkamen so dem KZ. Am 4. Oktober 1944 kam Frieda in Obermenzing bei einem Luftangriff ums Leben. Ihr Name ist hier in der Kirche Leiden Christi auf der Gedenktafel aufgeführt. Wir denken auch an sie und ihr Schicksal als Verfolgte. Ihre Tochter Ruth Jordan hat im Untergrund überlebt. Sie ist 2003 in den USA gestorben. Über ihr Versteck bei dem wagemutigen Bauern am Tegernsee wurde im letzten Jahr berichtet.

Quelle:
Geschichtswerkstatt Jüdisches Leben im Münchner Westen, 27.01.2025
Handreichung für die Schüler der Grandl-Realschule, 9. und 10. Klasse im Fach Geschichte

 

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